Michael Sprünken

Autor: MichaelSpruenken

Als Mann und Frau schuf er sie

Datei:Hortus Deliciarum, Pfingsten und die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel.JPG

Hortus Deliciarum, Pfingsten: Die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel

Am Pfingstmontag 2019 veröffentlichte die vatikanische Bildungskongregation das Dokument „Male And Female He Created Them“. Trotz des Termins der Veröffentlichung lässt mich das Dokument nicht be-, sondern eher entgeistert zurück.

Die Kongregation möchte mit dem Dokument einen Beitrag dazu leisten, in katholischen Bildungseinrichtungen einen Dialog mit der Gender-Theorie zu initiieren. Sein Untertitel lautet: „Towards a path of dialogue on the question of gender theory in education“. Und die Gliederung des Dokumentes legt auch zunächst nah, dass die Kongregation mit dem Dialog ernst machen will: Nach einer Einführung beginnt der Text nämlich mit einem Abschnitt, der „Listening“ überschrieben ist. Zuzuhören, was andere zu sagen haben, ist ein guter Beginn für einen Dialog. Doch wer in den Text hineinsieht, wird enttäuscht. Weder werden die Autor*innen benannt, mit denen die Kongregation einen Dialog fördern will, noch werden ihre Kernthesen nachvollziehbar und mit Belegen versehen dargestellt. Zitiert werden lediglich andere vatikanische Dokumente. Margit Eckholt bezeichnet es daher zutreffend als „selbstreferentiell“ (bei katholisch.de nachlesen).

Dies hat negative Folgen für die Aussagekraft des Dokumentes. Die Darstellung gender-theoretischer Positionen erfolgt holzschnittartig und  – zum Teil bis ins Gegenteil – verzerrt. Das Fehlen konkreter Zitate und Verweise erschwert die Auseinandersetzung mit dem Dargestellten. Maren Behrensen hat es unternommen, dies aufzuarbeiten (auf feinschwarz.net nachlesen).

Und es scheint, dass seitens der Bildungskongregation nicht nur versäumt wurde darzustellen, welchen Erkenntnisse der Kongregation die Lektüre der Texte gender-theoretischer Autor*innen  erbracht hat und welches diese Quellen waren, sondern dass eine Auseinandersetzung mit diesen Autor*innen, sofern sie überhaupt stattgefunden hat, nur sehr oberflächlich war. Wie sonst könnte es sich erklären, dass in dem Text folgende Äußerung zum Umgang mit der (übrigens zuvor bestrittenen) Tatsache des Umgangs mit Intersexualität gibt:

… in cases where a person’s sex is not clearly defined, it is medical professionals who can make a therapeutic intervention. In such situations, parents cannot make an arbitrary choice on the issue, let alone society. Instead, medical scienceshould act with purely therapeutic ends, and intervene in the least in-vasive fashion, on the basis of objective parameters and with a view to establishing the person’s constitutive identity.

Der hier vorgeschlagene Weg, dass medizinische Fachleute in Fällen uneindeutiger Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter hier durch therapeutische Interventionen Klarheit schaffen können, hat sich ja gerade durch die Erfahrungen vieler Betroffener als falsch erwiesen: Durch die chirurgische Konstruktion einer Vagina entsteht keine Frau, durch die eines Penis kein Mann. Früher wurden Menschen derart „vereindeutigt“ – und es hat ihnen keineswegs Erleichterung gebracht, sondern vielmehr Probleme. Die Medizin weiß heute: Das umgekehrte Vorgehen ist richtig. Menschen müssen auf dem Weg zu einer sexuellen Identität begleitet werden. Wo dieser Weg endet, darf dabei nur vom Betroffenen selbst entschieden werden. Weder von seinen Eltern, noch von der Gesellschaft – insofern gehe ich mit dem Papier der Bildungskongregation konform -, aber auch nicht von seiner chromosomalen Ausstattung.

Es irritiert mich zutiefst, dass eine Kirche, meine Kirche überdies, die sich an Jesus von Nazareth ausrichtet, der die Menschen so akzeptiert hat, wie sie sind, der ihnen kein festes Regelwerk vorgelegt hat, sondern Kraft zugesprochen hat, sich selbst zu verändern, sich in dieser Frage so wenig vom Schicksal der Betroffenen betreffen lässt. Weiterhin irritiert mich, dass sich die Kirche offenbar weigert, wissenschaftliche Erkenntnisse zu dieser Problematik zu rezipieren und ernst zu nehmen. Erkenntnisse, die mit der eigenen Sichtweise übereinstimmen, werden verwendet. Neuere Erkenntnisse, die diese Sichtweise nicht stützen, werden ignoriert. Das ist intellektuell unaufrichtig. Wenn etwas Stand der Wissenschaft ist, gilt es außerhalb wie innerhalb der Kirche. Den Wahrheitsanspruch der Kirche als Trumpf gegenüber solchen Erkenntnissen auszuspielen, noch dazu ohne sich auf einen diesbezüglichen Diskurs einzulassen, führt zu Realitätsverlust – und zum Verlust der Chance, die frohe Botschaft glaubwürdig zu verkünden.

Dabei wäre es doch eigentlich ein Leichtes, die Geschlechterdualität aus christlicher Perspektive zu relativieren „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28)

Wasserspeier
an der Paisley Abbey

Nachdem böse Unholde m/w/d sich der WordPress-Installation bemächtigt hatten, war hier für eine Weile Sendepause. Jetzt geht’s wieder los – und da ich mich nicht mehr auf der Facebook rumtreibe, könnte es sein, dass ich mir hier öffentlich Gedanken zum aktuellen Geschehen in der katholischen Kirche und darüber hinaus mache.

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